Die Titel Ihrer Rekompositionen bekannter Werke setzen sich jeweils aus dem Namen des Komponisten und dem Präfix «FREE» zusammen, beispielsweise «FREEBRUCKNER». Geht es Ihnen um einen Befreiungsschlag?
Lorenz Blaumer: Ich mag diesen Begriff und es darf sich fürs Publikum auch so anfühlen. Wir meinen es aber nicht in dem Sinne, dass Bruckner oder Beethoven von ihren «Fesseln» befreit werden müssten. Die Originalwerke funktionieren, wie sie sind. Es geht Stegreif ums authentische Musizieren und darum, in Verbundenheit mit der Musik und untereinander spielen zu können. Das «FREE» bedeutet für uns, einen freien Zugang zu finden, hinter dem wir stehen können.
Alistair Duncan: Die meisten von uns präsentieren und hören die Werke auch nach wie vor gerne in ihrer Originalform. Das eine schliesst das andere nicht aus.
Blaumer: Gerade aus Liebe zur klassischen Musik wollen wir die Werke lebendig halten und dabei uns und das Publikum überraschen.
Alistair Duncan, wie erging es Ihnen bei der Rekomposition von Beethovens «Eroica»?
Duncan: Das Gefühl von Freiheit war sehr präsent, da es für Beethoven in dem Werk thematisch zentral war. Wir lieben die «Eroica» und wollten seine besonderen Momente und Themen neu präsentieren und fürs Publikum zugänglich machen. Ein Beispiel ist der zu frühe Einsatz vom zweiten Horn im ersten Satz, daraus entstand bei uns ein kleiner musikalischer Witz.
Wie sieht in Ihren Werken das Zusammenspiel von Komposition und Improvisation aus?
Duncan: Grundlegendes wie die Struktur und die Einbindung grosser Momente werden vorab von den Rekomponisten festgelegt. Auf einer kleineren, aber nicht weniger wirkungsvollen Ebene gibt es dann im Laufe einer Tournee durchaus Entwicklungen und unvorhersehbare Änderungen, zum Beispiel, wenn ein Solo plötzlich von jemand anderem gespielt wird.
Blaumer: Die Partitur als Ausgangspunkt schafft eine Struktur mit einer tragenden Dramaturgie, die aber genügend Freiraum lässt zum Ausdeuten im Raum, mit dem Publikum und in wechselnder Besetzung. Diese eingeplanten Freiräume, die Improvisationen und offen gelassenen Übergänge zwingen uns, musikalisch im jeweiligen Raum und Moment wirklich präsent zu sein. Gerade bei Stücken, die häufig aufgeführt werden, beugen wir dadurch einer gewissen Trägheit oder Routine vor, weil wir wissen, dass wir uns gegenseitig überraschen werden. Diese Spannung aus dem Orchester und Lust am Experimentieren überträgt sich aufs Publikum. Unterschiedliche Musikerinnen und Musiker bringen unterschiedliche Stärken mit und diese sollen sie einbringen können. Wir wollen die Individuen sichtbar machen.
Stegreif bezeichnet sich als Kollektiv. Worin liegt der Unterschied zu einem herkömmlichen Orchester?
Blaumer: Wir haben ein Modell, das explizit auf eine starre Hierarchie verzichtet. Es gibt bei uns ein Leitungsgremium, dessen Mitglieder vom Orchester gewählt werden. Mindestens zweimal im Jahr organisieren wir Treffen, bei denen Ideen aus dem Orchester entwickelt werden. Diese Organisationsform gibt den einzelnen Leuten Raum, sich auszuprobieren und dazuzulernen. Dadurch, dass wir viele Köpfe haben, die gestalten können und wollen, sind wir zudem breiter aufgestellt, wenn beispielsweise mal jemand ausfällt.
Duncan: Bei Stegreif hat man die Möglichkeit, selbst in einer grossen Gruppe künstlerisch eigene Ideen zu verwirklichen. Es herrscht eine positive Energie und hohe Zufriedenheit im Orchester. Dadurch spielen die Menschen auch spannender im Konzert. Sie sind nicht nur in den Solomomenten präsent, sondern auch in der Begleitung intensiv mit dabei.
Musikalisch überrascht Stegreif das Publikum mit Improvisationen und der Einbindung anderer Musikstile wie Jazz, Volkslied und Techno – haben Sie Leute damit auch schon vor den Kopf gestossen?
Blaumer: Mit Sicherheit, aber insgesamt sprechen wir doch ein relativ breit gefächertes Publikum an. Es gibt zwei Hauptgruppen: Das eine sind Klassikliebhaber, die das Originalwerk gut kennen und es spannend finden, durch unsere Rekomposition neue Aspekte zu entdecken. Die anderen sind Menschen, die sonst nie ein Orchesterkonzert besuchen würden, weil sie eine Barriere zur Klassik haben und sich mit den ritualisierten Abläufen nicht wohlfühlen. Bei unseren Konzerten finden sie einen Zugang, der Spass macht.
Duncan: Ich finde es nicht schlimm, wenn nach zehn Minuten ein paar Leute gehen, dafür aber die anderen am Ende des Konzerts aufstehen und begeistert sind. Das, was wir machen, soll animieren und Diskussionen anregen, ansonsten ist die Kunstform an sich schon ein bisschen tot.
Gibt es einen Moment mit Stegreif, an den Sie sich besonders gerne zurückerinnern?
Blaumer: Auch wenn es toll ist, in den grossen Konzerthallen zu spielen, bleiben bei mir die etwas ungewöhnlicheren Räume stärker hängen, weil sie so einmalig sind und wir dort den Raum gestalten und ein bewegliches Publikum haben. Wenn ich sehe, wie die Leute dabei sind und voll mitgehen, reisst mich das sehr mit.
Duncan: Als wir bei der Eröffnung des Futuriums in Berlin spielten, gab es einen Moment, wo wir vereinzelt in die Menschenmenge hinauszogen, um für eine einzelne Person zu spielen. Ich habe für eine Frau mit einem Baby in der Trage gespielt. Die Mutter hatte die Augen geschlossen, das Baby schlief und ich musste ganz leise spielen. Ein Konzert für nur zwei Personen und nur diesen Moment, so etwas habe ich noch nie in meinem Leben gemacht. Dieses Bild vergesse ich nie.
Das Interview führte Amy Douglas


