Im Album «Fortissima» richten Sie den Fokus auf fast vergessene Komponistinnen, deren Musik bis heute unterschätzt wird. Was macht das mit Ihnen, sich solchen Werken zu widmen?
Im Studium habe ich kein einziges Stück einer Komponistin gelernt oder auch nur davon gehört. Als ich mich mit dem Thema auseinandersetzte und dabei auf so viele fantastische Werke von grossartiger Qualität stiess, hat mich das wütend gemacht. Diese Kompositionen zu spielen, erfüllt mich mit Stolz und Dankbarkeit, weil ich diesen Frauen endlich eine Stimme zurückgeben kann.
Für Ihr gleichnamiges Buch haben Sie über Komponistinnen geforscht. Was war Ihre grösste Erkenntnis aus dieser Recherche?
Ich komme aus einem konservativ-bürgerlichen Musikhaushalt, in dem ein grosser Respekt vor den bedeutenden Namen und «Genies» herrschte, die natürlich alle männlich waren. Als Kind besuchte ich staunend Opern und Museen, ohne je zu bemerken, was dort fehlte. Später begriff ich: Die Abwesenheit der Frauen in der Klassik liegt keinesfalls daran, dass sie weniger oder schlechter komponiert hätten als die Männer, sondern dass sie einfach nicht anerkannt wurden. Mit dieser Erkenntnis habe ich begonnen, mein ganzes Weltbild zu hinterfragen. Unsere Wahrnehmung ist durch eine sehr patriarchale Brille geprägt. Ich überlegte, ob man nicht auch einen anderen Blickwinkel darauflegen könnte – ohne das Bestehende schlecht zu machen. Ich habe dadurch eine viel reichere Sicht auf die Welt gewonnen.
Komponieren Frauen anders als Männer?
Ich glaube, dass Unterschiede vielmehr in der Persönlichkeit und den individuellen Lebenserfahrungen gründen. Bei Opern hingegen, in denen oftmals Stereotype produziert werden, gibt es schon Unterschiede: Frauen erzählen andere Geschichten. Bei Komponistinnen finden sich deutlich mehr wichtige Rollen für Frauen, die aktiv am Geschehen teilnehmen und ihren eigenen Weg gehen. Oft tauchen auch philosophische Themen auf.
Für das Schaffhausen-Klassik-Konzert spielen Sie ausnahmslos Werke von Frauen. Gibt es eine Komponistin, die Sie besonders fasziniert?
Da wäre zum Beispiel Luise Adolpha Le Beau, eine Klavierschülerin von Clara Schumann. Sie wurde einem bekannten Kompositionsprofessor empfohlen, doch dieser lehnte sie aufgrund ihres Geschlechts zunächst ab. Sie erhielt bei seinem Assistenten Unterricht und fiel mit ihren Kompositionen so stark auf, dass der Professor sie schliesslich doch in seine Klasse aufnahm. Le Beau gewann Wettbewerbe, wurde international aufgeführt und von Kritikern oft mit dem Satz gelobt, sie komponiere «wie ein ganzer Mann». Le Beau widersprach: Unterschiede lägen nicht am Geschlecht, sondern an der Ausbildung. Deshalb gründete sie in München eine Schule, an der Mädchen das Klavierspiel und die Grundlagen des Komponierens lernen konnten.
Das Interview führte Amy Douglas


