Sie hatten sich eine erfolgreiche Karriere als Sopranistin aufgebaut und waren auf einem beruflichen Höhepunkt angekommen, als Sie 2020 alles an den Nagel hängten. Wie kam es dazu?

Ich hatte den hohen Druck satt, der mit dem Singen auf diesem Niveau einhergeht und wie sehr dieser das ganze Leben bestimmt. Dann brach die Corona-Pandemie aus und plötzlich konnte niemand mehr auftreten. Dadurch bot sich die seltene Gelegenheit, einen Rückzug zu erwägen – ohne die Angst, etwas zu verpassen. Da wurde mir klar, dass ich auch ohne das Musizieren glücklich war. Ausserdem lag ein sehr erfolgreiches Jahr hinter mir und ich war zufrieden mit dem, was ich erreicht hatte. Und ich fühlte mich jung genug, nochmals etwas ganz Neues zu wagen.

Haben Sie während dieser Zeit komplett mit dem Singen aufgehört?

Ja, tatsächlich schon. Damit sich das Singen auch nur annähernd gut anfühlt, muss man ständig üben. Ansonsten versteift sich alles. Und dann bekam ich ein Kind, was mein Leben stark veränderte – die Schwangerschaft, der Schlafmangel, das ist ganz schön viel. Mit Ausnahme von Schlafliedern hörte ich mit dem Singen auf und vermisste es auch nicht. Ich war mit anderen Dingen beschäftigt.

Inzwischen sind Sie nach fünfjähriger Abwesenheit auf die Bühne zurückgekehrt. Was hat sich verändert?

Einer der Gründe für meine Rückkehr war mein Kind. Ich wollte, dass mein Sohn mich auf der Bühne sieht, weil das früher ein solch wichtiger Teil meines Lebens war. Es wäre seltsam für mich, wenn er das nie miterleben würde. Und dann erzählten mir Menschen, mit denen ich früher zusammengearbeitet hatte, dass sie immer noch an meine Stimme denken und es vermissen, mit mir Musik zu machen. Das überraschte mich. Es widersprach meiner tiefsitzenden Überzeugung, dass wir alle so ersetzbar seien. Und es machte mich neugierig.

Nun bringen Sie durch die Mutterschaft und Ihre Selbstständigkeit als Webdesignerin ganz neue Erfahrungen mit. Wie prägen diese Ihren Weg als Sängerin?

Der wichtigste Faktor war der Perspektivwechsel. Es ist allzu leicht, sich in der Musikbranche auf das Prestige und den Erfolg zu fokussieren. Weil ich alles aufgegeben habe, kann ich jetzt viel mehr ich selbst sein. Ich kann aus Freude daran singen, gute Musik zu machen, die Stimme zu erkunden, gemeinsam zu musizieren und dem Publikum einen besonderen Moment zu schenken. Das hat mir viel Freiheit gegeben. Ausserdem hat sich meine Stimme sogar etwas verbessert, sie ist durch die Mutterschaft wärmer geworden.

Wie gelingt es Ihnen heutzutage, Ihr Unternehmen und das Singen unter einen Hut zu bringen?

Es erfordert ein bisschen Jonglieren. Aber da ich in beiden Fällen als Freelancerin im Kulturbereich tätig bin, habe ich auf beiden Seiten eine gewisse Flexibilität. Was das Singen betrifft, bin ich effizienter geworden, weil ich gezwungen bin, meine Zeit bewusster einzuteilen. Ich habe Glück: Jetzt kann ich meine Projekte unabhängiger auswählen, da weder mein Lebensunterhalt noch mein Selbstwertgefühl mehr vom Singen abhängen. Das ist ein grosser Luxus.

Das Interview führte Amy Douglas