Bereits mit 17 Jahren sangen Sie Ihre erste Uraufführung, inzwischen sind es weit über hundert. Was fasziniert Sie an zeitgenössischer klassischer Musik?
Es hat mir immer gefallen, Neuland zu erkunden, sozusagen meine eigenen Spuren im frisch gefallenen Schnee zu hinterlassen – es ist eine emotionale und intellektuelle Detektivarbeit, ein neues Stück zu entdecken und enthüllen.
Das Konzert in Schaffhausen steht im Zeichen des 200sten Todestags von Ludwig van Beethoven. Teil des Programms ist seine Sinfonie Nr. 4. Was bedeutet Ihnen dieses Werk und wie wollen Sie dieses aus heutigem Blickwinkel präsentieren?
Ich liebe diese Sinfonie! Sie ist so voller Liebe, Hoffnung und Erwartung. Angeblich schrieb Beethoven sie, als er verliebt war, und man kann den Herzschlag spüren, der teilweise sehr schnell, mal zärtlich, mal leidenschaftlich, durch dieses Stück pulsiert. Ich denke nicht über «damals oder heute» nach, sondern versuche einfach, von der Partitur auszugehen und dabei all mein Einfühlungsvermögen und Verständnis aufzubringen.
Nach dem frühzeitigen Tod seiner Tochter suchte Igor Strawinsky Trost und Friede in der Musik von Johann Sebastian Bach, den er in seinem «Konzert für Kammerorchester in Es-Dur» explizit zitierte. Gibt es eine Komponistin oder einen Komponisten, in deren bzw. dessen Musik Sie in schwierigen Zeiten Zuflucht finden?
Da gibt es einige: Mahler, dessen Sinfonie Nr. 4 (3. Satz) mir nach dem Tod meiner Mutter Trost spendete; Liszt und Busoni, Lieblinge meines Mentors Reinbert de Leeuw, der 2020 verstarb; häufig Bach. Und natürlich auch viele Pop- und Alternative-Songs, die wie geschaffen sind für verschiedenste Formen von Kummer.
Ihre Auftritte sind geprägt von einer sehr körperlichen und ausdrucksstarken Bühnenpräsenz. Wie würden Sie die Beziehung zwischen Musik und Körper beschreiben?
Mein Körper wird oft mit dem einer Tänzerin verglichen. Meine Mutter erinnerte sich daran, wie ich als Kind von körperlicher Energie nur so strotzte und nicht stillsitzen konnte, wann immer ich ein Orchester spielen hörte. Übrigens erhielten viele Dirigenten im Rahmen ihrer Ausbildung Tanzstunden. Für mich ist die Bewegung einfach ein authentischer Ausdruck von Musik: Rhythmus, Ton und Klang.
Nach über 20 Jahren als Sopranistin haben Sie mit dem Dirigieren begonnen. Wie kam es dazu?
Mehrere Dirigenten und andere Menschen aus meinem beruflichen Umfeld ermutigten mich zum Dirigieren und schliesslich habe ich die Chance ergriffen. Es war als einmalige Sache geplant, aber während ich mich auf das Konzert vorbereitete, wurde mir klar, dass ich dies unbedingt weiter erkunden wollte. Nach meinem Debut erhielt ich sofort Anfragen für weitere Engagements – der Rest ist Geschichte.
Sie sind weltweit die einzige Musikerin, die simultan eine Oper singt und dirigiert. Was hat Sie zu dieser Doppelrolle hingeführt? Gab es auch skeptische Stimmen zu diesem Unterfangen?
Ich mache das bei «La Voix Humaine» von Poulenc, einer Oper über eine Frau, die während der Trennung von ihrem Geliebten versucht, die Kontrolle über sich selbst zu erlangen. Es geht nicht nur um Kontrolle, sondern auch um Ohnmacht, Fantasie und natürlich um die grossen Emotionen der Liebe und des Verlusts. Meine Inszenierung ist für mich sehr natürlich und schafft einen starken energetischen und musikalischen Austausch zwischen mir und meinen Mitmusizierenden. Von ihnen erhalte ich keine Skepsis, aber hin und wieder von einem Kritiker, der sich vielleicht fragt, warum jemand sich so sehr anstrengt, um etwas zu erreichen. Aber in Wahrheit schaffen Künstlerinnen und Künstler Dinge aus einem starken inneren Drang. Für Kritiker mag das schwer zu verstehen sein, für Künstler jedoch nicht.
Gab es in Ihrer musikalischen Laufbahn je eine Hürde, die zu hoch schien?
Was ausserhalb meiner Komfortzone liegt, reizt mich. Es gibt Stücke, zum Beispiel vom amerikanischen Komponisten John Zorn, die mir anfangs unmöglich erschienen. Es war eine wunderbare Erfahrung, diese Herausforderung zu überwinden und die Komposition in meinen Gesang aufzunehmen.
Durch Ihre Projekte und Auftritte reisen Sie viel. Zum einen ist das bestimmt inspirierend, gleichzeitig kostet es viel Energie. Wie und wo können Sie auftanken?
Erholung finde ich in meinem Zuhause in der Bretagne. Die tiefgrüne Natur und frische Luft, der Ozean in der Ferne und meine beiden Katzen sind eine wiederbelebende Quelle für mich.
Sie haben ein Mentoringprogramm für junge Musikerinnen und Musiker gegründet. Welche Botschaft wollen Sie diesen aufstrebenden Menschen mitgeben?
Ich hoffe, dass sie für sich Methoden entwickeln können, um nicht nur eine erfolgreiche, sondern auch erfüllende Karriere zu führen. Sie sollen einen eigenen Umgang mit ihrer Zeit, Technik und Disziplin finden, und lernen, auf ihren Körper und ihr Instrument zu achten und ihre künstlerische Seele mit allerlei Nahrung zu versorgen – nicht nur zu üben!
Das Interview führte Amy Douglas


